
Im Yoga soll es immer darum gehen, sich der spirituellen Freiheit zuzuwenden
Interview mit Rodolphe Milliat
Seit der Gründung der Yoga University ist Rodolphe Milliat aus Le Quillio in der Bretagne mindestens einmal jährlich nach Villeret gekommen, um die angehenden Yogalehrerinnen und Yogalehrer zu unterrichten. Die überaus hohe Intensität seiner eigenen Praxis und sein scharfes Auge für die geringsten Fehlhaltungen des Körpers, haben immer wieder dazu geführt, dass viele der Teilnehmenden seiner Klassen in ganz entscheidendem Masse in ihrer Yoga Praxis gefördert werden konnten. Vor fünf Jahren wurde mit Rodolphe Milliat als Hauptreferent der Zertifikatslehrgang “Praxis und Analyse des traditionellen Hatha Yoga” durchgeführt. Das folgende Interview wurde für das Yoga Journal geführt.
Yoga Journal: Wie sind Sie ursprünglich zum Yoga gekommen?
Rodolphe Milliat: Bevor ich begann, mich direkt mit der Yoga Praxis zu beschäftigen, bestand bei mir bereits seit einiger Zeit ein gewisses Interesse an fernöstlicher Kultur und Spiritualität. Besonders beschäftigte ich mich, allerdings nur theoretisch, mit japanischer Architektur und Malerei sowie mit Zen Buddhismus und Kampfkunst. Die Kampfkunst, d.h. Karate habe ich sogar für kurze Zeit praktiziert. Technisch fand ich diese Disziplin sehr reichhaltig aber ich fühlte, dass sie mir in spiritueller Hinsicht nicht das bringen würde, was ich suchte. Zwischen der Kampfkunst, zumindest soweit ich sie damals in Paris erlebte, und dem Zen schien mir eine riesige Lücke zu klaffen.
Vom Sport kommend war meine erste Yoga Praxis diejenige von B.K.S.Iyengar
Da ich selbst dem Sport sehr zugeneigt war, suchte ich weiter und zwar nach einem Aikido-Kurs, stiess dabei jedoch auf Yoga. Ein Lehrer in meinem Alter hatte Photos von sich ausgestellt. Von der harmonischen Entwicklung seines Körpers, wie er auf diesen Photos zum Ausdruck kam, war ich sehr beeindruckt. Er war zweimal in Indien bei B.K.S.Iyengar gewesen und unterrichtete diese Methode. So begann ich ab dem Jahr 1980 bei ihm zu üben und zwar vor allem die körperlichen Aspekte von Yoga, denn von dieser Seite hatte ich mich ja auch der Disziplin genähert.
Bereits 1982 ging ich zusammen mit meinem Lehrer, der inzwischen mein Freund und Kollege geworden war und mit meiner Frau nach Indien, um für einige Wochen in der Schule von B.K.S. Iyengar in Pune Yoga zu praktizieren. Ich kam mit sehr vielen Informationen zurück und was ich dort gesehen hatte, hat mich für lange Zeit geprägt. Auch später habe ich Iyengar oft getroffen, denn in dieser Zeit kam er noch alljährlich nach Paris, um Seminare abzuhalten.
Von Anfang an habe ich praktisch täglich Yoga praktiziert. Ich war vorher Langstreckenläufer gewesen und deshalb recht steif in meinem Körper. Die Athletik habe ich dann auch recht schnell aufgegeben, da ich mir dachte, die Kräfte sollten gebündelt werden.
“In Paris unterrichtete ich während etwa zehn Jahren jeweils drei Klassen pro Woche.”
Auch recht schnell habe ich mit Unterrichten angefangen, d.h. ich praktizierte mit einer Gruppe Gleichgesinnter das, was ich auch für mich selbst übte. Um Diplome, wie auch um andere Autorisationen habe ich mich nicht gekümmert. Es war dann jedoch eine gewisse Ehre als mir ein regional recht bekannter Yogalehrer eine Yogaklasse übergab, die er selbst wärend etlichen Jahren in einem Kulturzentrum geführt hatte. Schliesslich kam noch eine dritte Klasse dazu. Diese Zahl habe ich aber während der ganzen Zeit, da ich noch in der Gegend von Paris war, d.h. während etwa zehn Jahren nie überschritten. Ich arbeitete daneben und hatte eigentlich nie die Idee, vollberuflicher Yogalehrer zu werden.
Yoga Journal: Wie hat sich Ihre persönliche Praxis weiterentwickelt:
Rodolphe Milliat: Was meine eigene Praxis anbelangt, so habe ich neben meinem ersten Lehrer, bald einen zweiten ebenfalls etwa gleichaltrigen gefunden und wir praktizierten zu dritt “Iyengar Yoga”. Von diesen dreien, das sei hier in Klammern angemerkt, bin ich der einzige, der dem Yoga bis heute treu geblieben ist. Einer hat sich später dem Tai Chi zugewandt und ein anderer hat zugunsten seiner beruflichen Karriere jegliche Praxis aufgegeben.
“Nach einer Sinnkrise mit dem Iyengar Yoga bin ich im Jahr 1985 auf meinen wichtigsten Yogalehrer gestossen: Sri Sri Sri Satchitananda Yogi aus Madras.”
Ungefähr 1983 kam ich mit meiner Yoga Praxis in eine Art Sinnkrise. Das “Iyengar Yoga” befriedigte mich nicht mehr richtig und ich hatte das starke Gefühl, dass ich mich mit dieser Praxis nicht verwirklichen konnte. Aus diesem Grund öffnete ich mich anderen Einflüssen. Z.B. praktizierte ich für einige Zeit bei Marie-Madelaine Davy. Die Begegnung mit ihr hat mich sehr stark zum Lesen spiritueller Literatur angeregt. Später besuchte ich einmal ein Ferienseminar des sogenannten “Yoga der Energie”. Das waren zwar schöne Ferien, aber für die Praxis konnte ich mich nicht erwärmen.
Diese Phase des Suchens wurde im Jahr 1985 abrupt abgeschlossen, als ich dem Swami aus Madras, Sri Sri Sri Satchitananda Yogi, begegnete. Ich besuchte ein einwöchiges Seminar mit ihm und das war für mich eine determinierende Begegnung. Mir wurde schlagartig die Wichtigkeit der Meditation bewusst und ich realisierte unmittelbar, dass die ganze übrige Praxis ohne Meditation nie richtig funktionieren würde.
Bereits im Seminar selbst entstand die feste Absicht das neu Gelernte sofort in die tägliche Praxis zu integrieren. Der erste Tag nach dem Seminar war für die recht lange Rückreise reserviert und eigentlich war keine Zeit, die guten Vorsätze bereits in die Tat umzusetzen. Ich erinnere mich jedoch, dass ich symbolisch auf einer Autobahnraststätte die neu erlernten Kriyas ausführte sowie einige Zeit meditierte, um die Intensität aus dem Seminar nicht zu verlieren.
Die Beziehung zum Swami hat sich vertieft, d.h. ich bin an praktisch alle Seminare gegangen, die er jeweils in Europa gab, d.h. in Frankreich, in Italien und auch in der Schweiz. Ich lebte ganz stark im Gefühl, eigentlich erst jetzt richtig mit dem Yoga zu beginnen und sah die vorangegangenen acht Jahren nurmehr als Vorbereitung für diese Erlebensqualität. Um diese Zeit wurde ich auch in die Gruppe hineingewählt, die jeweils die Reisen und Seminare des Swamis organisierte.
“1991 gaben meine Frau und ich unsere Arbeit in Paris auf und wir zogen mit unseren drei Kindern in die Bretagne, um ein Yogazentrum zu gründen und aufzubauen.”
Schliesslich, nach etwa fünf Jahren dieses intensiven neuen Yogaweges reifte in mir und in meiner Frau der Entschluss, dass wir uns eine neue Existenz aufbauen und ein Yogazentrum gründen wollten. Entsprechend unseren eher bescheidenen finanziellen Möglichkeiten schauten wir uns vor allem in Randregionen nach geeigneten Gebäuden um und fanden schliesslich im Jahr 1991 in der Bretagne ein traditionelles renovationsbedürftiges Haus in einer ruhigen natürlichen Umgebung, das einige Zeit als Pension gedient hatte, und über einen geeigneten Yogasaal von 120 Quadratmetern verfügte. Wir gaben beide unsere bisherige Arbeit in der Region Paris auf und zogen mit unseren drei Kindern in die Bretagne mit der Absicht, in diesem Zentrum die Seminare mit dem Swami abzuhalten, weitere Gruppen und Gäste aufzunehmen und selbst Yoga zu unterrichten. Dass die Eltern meiner Frau in der Bretagne lebten, war mit ein Grund, dass wir uns für diese Gegend entschieden
Das Haus hat relativ viel Umschwung und so haben wir auch Tiere, d.h. Ziegen und Schafe sowie Hühner und Gänse angeschafft und lebten weitgehend als Selbstversorger. Ich selbst hatte zudem noch eine Hundezucht.
Im Lauf der Jahre haben wir den Bestand an Tieren jedoch dauernd verringert, um unabhängiger zu werden und wieder mehr reisen zu können. So sind wir kürzlich nach zwanzigjähriger Pause erstmals wieder in Indien gewesen.
Im Jahre 1995 habe ich mit dem ersten Ausbildungsgang für YogalehrerInnen angefangen. Dieses Projekt gab mir selbst Gelegenheit, mich noch mehr in die Materie zu vertiefen. Ich studierte die indische Philosophie und vor allem auch die Sanskritsprache neu. Meine Frau beschäftigte sich gleichzeitig mit Ayurveda.
“Die Übungen des Yoga mögen sich entwickeln, doch das Ziel bleibt vom äusseren Wandel unberührt.”
Yoga Journal: Was ist Ihnen in Ihren Ausbildungen besonders wichtig?
Rodolphe Milliat: In meinem Unterricht ist es mir wichtig, Yoga in einem kulturell-philosophischen Originakontext zu situieren. Bei allem was gemacht wird, soll das wichtigste Ziel nie vergessen werden. Es soll immer darum gehen, sich der spirituellen Freiheit zuzuwenden. Yoga, das heisst die Übungen mögen sich entwickeln, aber dieses Ziel bleibt vom äusseren Wandel unberührt.
Yoga Journal: Haben Sie im Laufe der Zeit noch weitere Elemente in ihre Praxis aufgenommen?
Rodolphe Milliat: Das was ich von meinen ursprünglichen Lehrern gelernt habe, habe ich ohne Unterbrechung praktiziert und immer weitergezogen. Vor etwa zehn Jahren hat mich ein Freund im sogenannten Ashtanga Yoga unterrichtet. Eigentlich habe ich Yogaunterricht für mich nie abgelehnt, sofern er qualitativ hochstehend war. Zusammen mit einem anderen Freund habe ich mich in “Mantra-Sadhana” vertieft und in diesem Zusammenhang auch eine Disk mit Gesang produziert.
Yoga Journal: Vor einigen Jahren sind Sie als Autor des Buches “Le Passage du Souffle” hervorgetreten. Haben Sie weitere Buchprojekte?
“Mit einem neuen Buch über die Pädagogik der Asanas sowie der Übersetzung von “World of Tantra” werden wir in Kürze bescheidene verlegerische Aktivitäten starten.”
Rodolphe Milliat: Mit grosser Freude arbeite ich seit etwa zwei Jahren an einem Buch zur Pädagogik der Yoga Asanas. Ich habe dazu auch ein altes Hobby, die Photographie, wiederentdeckt. Das Buch wendet sich im Prinzip an Unterrichtende und zeigt wie die wichtigen Yoga Asana unterrichtet werden können.
Dazu dieses Buch zu schreiben, musste mich ein Freund regelrecht überreden, denn eigentlich sind mir die Asanas schon lange nicht mehr das wichtigste auf meinem Weg.
Vor einiger Zeit sind meine Frau und ich auf das ausserordentliche Werk “World of Tantra” von Professor Bhattacharya gestossen und haben uns die französischen Rechte erworben. Meine Frau übersetzt jetzt den Text und ich helfe bei einigen speziellen Fragen mit. Mit diesen Projekten mag eine bescheidene Verlagstätigkeit beginnen.
Yoga Journal: Was haben Sie vor, am Seminar “authentische Pranayama” in der Schweiz zu unterrichten?
Rodolphe Milliat: Heute sprechen viele Leute von Pranayama, aber was sie tatsächlich machen, sind einfach Atemübungen. Diese Atemübungen sind sicher nicht schlecht, aber sind nicht das, was Hatha Yogis unter dem Wort Pranayama verstehen. Die Praxis von Pranayama ist etwas sehr Repetitives. Es gibt kaum Abwechslung wie bei den Körperstellungen. Im Seminar will ich, soweit dies in der kurzen Zeit möglich ist, eine Basis für die eigene Praxis von Pranayama legen, also das vermitteln, was tatsächlich die wesentlichen Punkte sind, damit die Übungen die inneren Energien in Bewegung versetzen.
